Paardynamik: Warum wir uns in genau dem verlieben, was uns später einengt

Kennst Du das? Du bist in einer Beziehung und hast darin irgendwie immer die gleiche Rolle. Du bist diejenige, die sich um alles kümmert. Oder derjenige, der immer den Kopf kühl hält, egal, was passiert. Du bist derjenige, der die Führung übernimmt. Oder diejenige, die sich immer anpasst, während Deine Partnerin oder Dein Partner entscheidet. Und manchmal wünschst Du Dir, einfach mal aus dieser Rolle herauszukommen. Aber irgendwie geht das nicht. Es fühlt sich an, als würde die Beziehung nur so funktionieren, wie sie es schon immer getan hat – und Dich dabei immer wieder in die gleiche Rolle drängen. Und Du fragst Dich: Wieso eigentlich?
Mein Name ist Philipp Romacker, ich bin systemischer Therapeut und Heilpraktiker für Psychotherapie. Hier in meinem Blog schreibe ich jede Woche über Themen aus meiner Praxis, die uns alle betreffen – zum Reflektieren, Verstehen und Wachsen.
In diesem Beitrag geht es um eine der häufigsten Ursachen dafür, dass Paare in eine Krise geraten und sich irgendwann bei einer Paartherapie wiederfinden: Sie haben eine bestimmte Dynamik entwickelt – und sich innerhalb dieser Dynamik festgefahren. Nahezu die gesamte Interaktion des Paares besteht dann daraus, dass beide in relativ starren Rollen sind und nur noch wenig Flexibilität haben. Die eine Person verhält sich auf eine bestimmte Art, die andere reagiert darauf – und genau dadurch wird das Verhalten der ersten wiederum verstärkt. Beide stecken in Mustern fest, die sich immer wiederholen. Und das Interessante daran ist: Diese Dynamik beginnt oft schon sehr früh. Manchmal sogar in dem Moment, in dem sich zwei Menschen kennenlernen. Die Art und Weise, wie wir uns kennenlernen, unter welchen Umständen das passiert und welche Rolle wir dabei zunächst füreinander einnehmen, kann entscheidend dafür sein, welche Dynamik wir später als Paar entwickeln – ohne dass uns das bewusst ist.
Die bekannte Therapeutin Virginia Satir hat sinngemäß immer wieder gesagt: „Wenn ich ein Paar verstehen will, frage ich es, wie es sich kennengelernt hat." In meiner Arbeit als Therapeut fasziniert mich das immer wieder: Wie zwei Menschen von Anfang an ihre ganz eigene Dynamik entwickeln. Und wichtig ist dabei: Eine solche Dynamik muss keineswegs zwangsläufig in eine Krise führen. Im Gegenteil. Viele dieser Dynamiken funktionieren zunächst sehr gut. Wenn Du aber verstehst, welche Dynamik in Deiner eigenen Beziehung steckt und wie sie entstanden ist, kann das plötzlich vieles erklären. Konflikte, wiederkehrende Streitigkeiten oder Verhaltensweisen, die Dir am anderen schon lange rätselhaft erscheinen, können auf einmal verständlicher werden. Denn vielleicht geht es gar nicht nur darum, was die andere Person für ein Mensch ist. Vielleicht geht es viel mehr darum, was zwischen Euch beiden entsteht.
Und genau das möchte ich Dir anhand von drei fiktiven, frei erfundenen Fallbeispielen zeigen. Die Namen sind dabei natürlich auch frei erfunden.
Fallbeispiel 1: Der Gitarrenunterricht
Der 33-jährige Markus und die 30-jährige Sophie lernen sich kennen, weil Markus Sophie Gitarrenunterricht gibt. Sie verlieben sich ineinander und werden ein Paar.
Beim Kennenlernen im Gitarrenunterricht kann sich Markus in seiner Lehrerrolle als stark und überlegen erleben. Er weiß Dinge, die Sophie nicht weiß. Er kann ihr etwas zeigen, ihr etwas beibringen und wird für sein Wissen und seine Expertise anerkannt. Dadurch kann er sich – ein bisschen platt ausgedrückt – als starker Mann, als Beschützer und als jemand erleben, der gebraucht wird. Er fühlt sich gesehen und wertgeschätzt. Sein Selbstwert wird gestärkt.
Sophie wiederum genießt es, sich an Markus anlehnen zu können. Sie erlebt ihn als jemanden, auf den Verlass ist. Als jemanden, der auf viele Fragen eine Antwort hat und Bescheid weiß. Er ist für sie vielleicht sogar ein Stück weit eine Vaterfigur. Und dadurch, dass Markus sie so umsorgt, fühlt sie sich geliebt und ernst genommen. Auch ihr Selbstwert wird dadurch gestärkt.
Im weiteren Verlauf ihrer Beziehung setzt sich diese Dynamik fort. Wenn sie in den Urlaub fahren, kümmert Markus sich um die Planung. Wenn etwas organisiert werden muss, übernimmt er es. Wenn ein Handwerker angerufen werden muss, macht er das. Und Sophie liebt es, dass auf ihn Verlass ist. Markus wiederum liebt es, dass sie seine Fürsorge wertschätzt. Beide kommen also auf ihre Kosten. Die Dynamik dient nicht nur einem von beiden. Und genau deshalb ist sie zunächst so stabil.
Fallbeispiel 2: Die Dating-App
Lena und Tom lernen sich über eine Dating-App kennen. Nach einer Weile fragt Tom Lena nach einem Date. Sie antwortet, dass sie an sich offen dafür wäre, sich mit ihm zu treffen, würde aber lieber noch ein bisschen mit ihm schreiben und sich erst später treffen. Also schreiben sie weiter. Nach einiger Zeit fragt Tom noch einmal. Diesmal willigt Lena ein.
Und damit ist schon eine bestimmte Dynamik entstanden: Lena bestimmt, wann der nächste Schritt kommt. Das erste Date. Das erste Übernachten. Später vielleicht die Frage, ob sie nun eigentlich fest zusammen sind. Tom gewöhnt sich früh daran, zu fragen und zu warten, während Lena den Zeitpunkt bestimmt.
Und auch das funktioniert zunächst ziemlich gut. Tom ist es wichtig, Lenas Grenzen einzuhalten, sie nicht zu überrennen und ihr Raum zu geben. In dieser Dynamik kann er sicher sein: Lena sagt ihm, was für sie passt. Lena wiederum ist wichtig, dass ihre Grenzen eingehalten werden und manche Dinge so laufen, wie sie sich das vorstellt. Gleichzeitig möchte sie Tom auch nicht überfordern, indem sie ihn alles entscheiden lässt. Sie übernimmt deshalb die Führung und macht es ihm dadurch sogar leichter.
Auch hier gilt: Beide haben etwas von dieser Dynamik. Sie gibt beiden Sicherheit. Und erstmal sind beide damit ziemlich happy.
Fallbeispiel 3: Die Arbeitskollegen
Jonas und Julia lernen sich bei der Arbeit kennen. Jonas ist neu im Team. Julia ist eine Kollegin, die alle bewundern und die bei allen beliebt ist. Schnell verlieben sie sich und kommen zusammen.
Jonas ist stolz, eine so beliebte und attraktive Frau an seiner Seite zu haben. Er fühlt sich dadurch anerkannt. Besonders. Ein bisschen so, als hätte Julia gerade ihn ausgewählt – und das wertet ihn auf. Julia wiederum genießt es, bewundert zu werden. Jonas bringt ihr eine Aufmerksamkeit und Wertschätzung entgegen, die ihr Selbstbild als jemand Besonderes bestätigt. Auch sie fühlt sich dadurch gesehen und aufgewertet.
Und so setzt sich die Dynamik fort. Wenn sie gemeinsam mit Freunden oder Familie unterwegs sind, ist Jonas stolz auf seine tolle Freundin. Und Julia genießt es, im Mittelpunkt zu stehen und bewundert zu werden. Auch hier kommen beide auf ihre Kosten.
Wie zwei Puzzleteile
Wenn Du Dir diese drei Paare anschaust, wird etwas deutlich: Paare können ganz unterschiedliche Dynamiken entwickeln. Aber in allen drei Fällen passen die Rollen der beiden Partner erstaunlich gut ineinander. Wie zwei Puzzleteile. Und niemand hat das vorher abgesprochen. Niemand hat gesagt: „Du übernimmst jetzt die Führung und ich frage und warte." Oder: „Du kümmerst Dich um alles und ich lehne mich zurück." Es ist einfach passiert. Vom ersten Kontakt an.
Kollusion: ein Begriff von Jürg Willi
Der Schweizer Psychiater und Paartherapeut Jürg Willi hat für dieses Zusammenspiel einen Begriff geprägt: Kollusion. Das Wort kommt vom lateinischen colludere und bedeutet so viel wie „zusammenspielen" oder „mitspielen". Und genau so ist es gemeint. Nicht als Vorwurf. Sondern als Beschreibung: Zwei Menschen spielen unbewusst zusammen. Dabei entstehen Rollen, die irgendwann ziemlich klar verteilt sind, ohne dass sie jemals abgesprochen wurden. Nach Willi ist dabei häufig eine der beiden Personen eher aktiv und die andere eher passiv. In der Fachsprache spricht man von einer progressiven und einer regressiven Position.
An dieser Stelle möchte ich kurz einordnen, worauf sich das alles stützt: Die Konzepte, die ich Dir in diesem Beitrag vorstelle – die Kollusion, die progressive und regressive Position, der Gedanke der sich ergänzenden Rollen – gehen im Kern auf die Arbeiten von Jürg Willi zurück. Ich greife seine Theorie hier auf, ordne sie ein und übertrage sie auf die Beispiele, die ich Dir erzähle. Das ist also nicht mein eigener Gedanke, sondern seine Kollusionstheorie, wie er sie in seinen Büchern beschrieben hat. Weiter gehts.
Und an sich ist das überhaupt nichts Schlechtes. Im Gegenteil. Zwei Menschen, die sich in allem exakt gleich verhalten, würden wahrscheinlich gar kein gutes Team bilden. Wir brauchen die Ergänzung. Und es kommt noch etwas dazu: Häufig erleben wir bei unserer Partnerin oder unserem Partner genau das Verhalten, das wir uns für uns selbst wünschen würden – das uns aber selbst nicht oder nur schwer gelingt. Vielleicht wären wir gerne selbstbewusster. Disziplinierter. Extrovertierter. Oder wir würden uns wünschen, besser abschalten zu können. Vielleicht gibt es Eigenschaften, nach denen wir uns sehnen, die wir selbst aber nicht so leicht leben können.
Und wenn wir dieses Verhalten bei der anderen Person sehen, kann etwas sehr Anziehendes entstehen. Denn plötzlich erleben wir einen Teil von uns, den wir selbst vielleicht noch nicht so gut verkörpern können, durch die andere Person mit. Alleine fühlen wir uns damit vielleicht ein Stück weit unvollständig. In der Beziehung entsteht dagegen ein Gefühl von Vollständigkeit.
Und das Spannende ist: Das gilt für beide Seiten gleichzeitig. Denn genauso, wie ich bei der anderen Person etwas finde, das ich mir für mich selbst wünsche, findet sie bei mir etwas, das sie sich für sich selbst wünscht. Auch sie sieht in mir Eigenschaften, die sie sich für sich selbst wünschen würde, die ihr aber nicht so leicht gelingen. Und auch sie fühlt sich dadurch, dass sie mich erlebt, ein Stück vollständiger. Die andere Person hat etwas, das ich mir wünsche. Und ich habe etwas, das sie sich wünscht. Und genau diese Ergänzung kann unglaublich verbindend sein.
Vielleicht kennst Du dieses Gefühl aus dem Verliebtsein: Plötzlich fühlt sich jemand so an, als würde diese Person genau das mitbringen, wonach man sich selbst gesehnt hat. Und genau das kann ein Teil dessen sein, was uns miteinander verbindet.
Wenn die Dynamik kippt
Und jetzt kommt der entscheidende Punkt. Denn genau das, was eine Beziehung am Anfang so attraktiv macht, kann später zum Problem werden. Nicht unbedingt, weil sich eine der beiden Personen verändert hat. Sondern weil die gleiche Dynamik, die am Anfang gut funktioniert hat, mit der Zeit immer enger werden kann.
Gehen wir noch einmal zurück zu Markus und Sophie. Am Anfang ist Markus' Fürsorge ein Geschenk. Sophie kann sich an ihn anlehnen. Markus fühlt sich stark und gebraucht. Aber mit den Jahren wird aus diesem Geschenk eine Selbstverständlichkeit. Markus plant den Urlaub. Er kümmert sich um die Finanzen. Er weiß, welcher Handwerker angerufen werden muss. Er organisiert. Er entscheidet. Und irgendwann ist er erschöpft. Er hat das Gefühl, mit allem alleine gelassen zu werden. Sophie dagegen merkt irgendwann: Ich komme in dieser Beziehung gar nicht mehr vor als jemand, der selbst entscheidet. Sie fühlt sich eingeengt.
Und jetzt passiert etwas Interessantes. Die beiden verstärken sich gegenseitig. Je mehr Markus umsorgt, desto weniger entscheidet Sophie selbst. Und je weniger Sophie entscheidet, desto mehr übernimmt Markus. Sophie erlebt sich als hilflos, weil Markus alles entscheidet. Markus erlebt sich als zuständig, weil Sophie so hilflos wirkt. Und beide haben das Gefühl, dass der andere eine Situation erzeugt, in der ihnen kaum noch Handlungsspielraum bleibt. Beide haben damit recht. Und beide gleichzeitig nicht. Denn keiner von beiden macht das alleine. Die Dynamik entsteht zwischen ihnen.
Und genau das ist für mich einer der spannendsten Gedanken an diesem Thema. Markus ist immer noch Markus. Sophie ist immer noch Sophie. Niemand hat sich plötzlich in einen völlig anderen Menschen verwandelt. Markus ist immer noch derjenige, der sich kümmert. Sophie ist immer noch diejenige, die sich gerne anlehnt. Nur: Die Rollen sind enger geworden. Das, was am Anfang die Anziehung ausgemacht hat, ist jetzt das, was die Krise verursacht.
Und deshalb entscheidet sich die Frage, ob eine Beziehungsdynamik trägt oder einengt, nicht unbedingt daran, welche Rollen zwei Menschen einnehmen. Sondern daran, wie beweglich sie darin bleiben. Kann Markus auch mal nicht wissen, wie es weitergeht? Kann er sich zurücklehnen und Sophie entscheiden lassen? Kann Sophie Verantwortung übernehmen, ohne dass Markus sofort wieder eingreift? Kann sie sagen: „Ich mache das", ohne dass er das Gefühl bekommt, es besser wissen zu müssen? Und umgekehrt: Kann Markus sagen: „Ich brauche gerade Unterstützung", ohne dadurch seine Rolle als derjenige zu verlieren, der sich kümmert?
Darum geht es. Nicht darum, jede Rollenverteilung aufzulösen. Sondern darum, nicht darin gefangen zu sein.
Was bedeutet das für Dich?
Vielleicht lohnt es sich deshalb, einmal ganz anders auf die eigene Beziehung zu schauen. Nicht nur darauf, was der andere tut. Sondern darauf, was zwischen Euch beiden entsteht.
Welche Rolle hast Du in Deiner Beziehung? Und welche Rolle hat Deine Partnerin oder Dein Partner? Wer übernimmt? Wer passt sich an? Wer entscheidet? Wer wartet? Wer kümmert sich? Wer braucht?
Und vielleicht noch interessanter: Wann hat diese Dynamik eigentlich angefangen? War sie schon beim ersten Kontakt da? Vielleicht sogar schon beim Kennenlernen? Und wenn Du an frühere Beziehungen zurückdenkst: Welche Rolle hast Du damals eingenommen? Und welche davon taucht vielleicht heute noch auf? Denn manchmal wechseln die Menschen, aber die Dynamik bleibt erstaunlich ähnlich.
Und vielleicht ist genau das der Moment, an dem es spannend wird. Wenn Du erkennst: „Moment mal. Vielleicht ist das hier nicht einfach nur meine Partnerin oder mein Partner, die oder der so ist. Vielleicht machen wir das gerade gemeinsam."
Und wenn Du das erkennst, entsteht etwas, das vorher oft nicht da war: Eine Wahlmöglichkeit. Denn was unbewusst passiert, können wir nur schwer verändern. Was wir erkennen, können wir beginnen zu verändern.
Das war's für heute. Soweit zum ersten Beitrag meines Blogs.
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Bis bald,
Philipp Romacker

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